Stark in der Forschung, aber vergleichsweise langsam in der wirtschaftlichen Anwendung neuer Technologien: Dieses Gefälle kennzeichnet Deutschland im Bereich Künstliche Intelligenz, aber auch in anderen Zukunftstechnologien. acatech leistet mit Transferinitiativen Hilfestellung: Transferprojekte bringen Forschung, Technologieentwicklung und Anwender aus Wirtschaft und öffentlicher Hand zusammen und beschleunigen die Anwendung. Der Datenraum Mobilität bildete die Blaupause – mittlerweile ist er als eigenständige Unternehmung ausgegründet. Insbesondere hier, im Aufbau und der Vernetzung von Datenräumen und in der Entwicklung und Anwendung von künstlicher Intelligenz durch gleichberechtigte Partner, liegt ein Schwerpunkt der Transferprojekte von acatech. Das Ziel der Transferprojekte liegt vor allem darin, digitale Infrastrukturen für Deutschland und Europa zu entwickeln: Sie sollen die digitale Souveränität und Resilienz stärken und neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Schließlich bedarf es einer leistungsfähigen Infrastruktur, die hiesigen öffentlichen wie privaten Akteuren offensteht und europäischen Datenschutzstandards entspricht, um eine florierende Datenökonomie in Deutschland und Europa zu stärken. acatech ist in ihrer Funktion als Beraterin von Politik und Gesellschaft ideal positioniert, um Forschung, Privatwirtschaft und Gesellschaft an einen Tisch zu bringen und die Umsetzung der Digitalstrategie des Bundes maßgeblich voranzutreiben. Angesichts der wachsenden Bedeutung praxisorientierter Transferprojekte hat acatech im Oktober 2024 eine strukturelle Weiterentwicklung auf den Weg gebracht: Die praxisorientierten Transferprojekte werden nach einer Inkubationsphase in der Akademie in der rechtlich eigenständig operierenden acatech Stiftung angesiedelt. Die Überführung der Transferprojekte in die Stiftung zieht eine klare Trennlinie zwischen unmittelbarer Akademiearbeit, also der unabhängigen Beratung von Politik und Gesellschaft, und den praxisorientierten Transfervorhaben.

MISSION KI

Künstliche Intelligenz ist im Frühjahr 2025 längst aus dem Labor heraus und hinein in Produkte, Prozesse und ganze Wertschöpfungsketten gewandert. Über 40 Prozent der deutschen Industrie setzt KI bereits in der Produktion ein und Entscheiderinnen und Entscheider führen sie als Top-Investitionspriorität an. Diese Dynamik macht KI zum strategischen Hebel für Wettbewerbsfähigkeit und Wertschöpfung. Mit dem seit 1. August 2024 geltenden EU AI Act stehen dabei erstmals europaweit verbindliche Leitplanken, die Transparenz, Datenschutz und Sicherheit sichern. Für Unternehmen eröffnet sich eine große Chance, können sie doch durch vertrauensvolle KI einen Wettbewerbsvorteil gewinnen. Die Voraussetzungen dafür sind gut: Stärken in der KI-Forschung treffen auf eine starke industrielle Basis, einen innovativen Mittelstand und hochqualifizierte Fachkräfte.

Verborgene Datenschätze heben

Das Projekt MISSION KI – Nationale Initiative für Künstliche Intelligenz und Datenökonomie soll einer solchen „KI made in Germany“ den Weg ebnen: Es fördert über einheitliche Qualitätsstandards verantwortungsvolle KI-Lösungen, verbessert den sektorübergreifenden Zugang zu Daten und den Transfer von KI-Innovationen in die Wirtschaft – und festigt damit letztlich Deutschlands digitale Wettbewerbsfähigkeit. MISSION KI ist eines der Hebelprojekte der Digitalstrategie der Bundesregierung, zudem ist es in der KI-Strategie der Bundesregierung verankert. acatech übernimmt darin verschiedene Aufgaben: Vor allem gilt es, die Verfügbarkeit und Auffindbarkeit von Daten zu optimieren und Europa somit besser gegenüber großen Konzernen aus Übersee zu positionieren.

Doch warum ist es überhaupt nötig, Daten leichter aufzufinden zu können? Zwar werden immer mehr Daten generiert, doch verschwindet ein Großteil davon in „Datensilos“ kleiner und großer Unternehmen und öffentlicher Einrichtungen. Selbst innerhalb von Unternehmen ist es vielfach schwer, erhobene Daten für alle Abteilungen und Bereiche nutzbar zu machen, da die Informationen beispielsweise in verschiedenen Formaten abgespeichert werden oder aber die nötigen Schnittstellen fehlen. MISSION KI soll einen Überblick über bestehende Daten liefern, Datensätze analysieren und sie automatisiert beschreiben. Verborgene Datenschätze, die derzeit nahezu ungenutzt in Silos vor sich hinschlummern, lassen sich somit auffinden und beurteilen.

KI-Startups treffen Mittelstand – Moritz Gräter über das Matchmaking in Heilbronn

Vertrauenswürdige KI „made in Germany“

Die ersten Schritte hin zu vertrauenswürdiger Künstlicher Intelligenz in und aus Deutschland sind bereits getan. So startete im April 2024 ein Matchmaking-Programm, das mittelständische Unternehmen mit innovativen KI-Startups zusammenbrachte. Welche konkreten Bedarfe hat der Mittelstand? Wie lässt sich die Innovationsfähigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen weiter stärken?

Der etablierte Mittelstand und KI-Start-ups aus ganz Deutschland tauschen sich in diesem Programm eng aus und setzen gemeinsam Pilotprojekte um, was die Rolle von MISSION KI als zentrale Plattform für den Transfer von KI in die wirtschaftliche Anwendung erneut stärkte.

Um den Datenaustausch über Sektoren und Landesgrenzen hinweg zu vereinfachen, wurde im März 2024 eine Lösung präsentiert, mit der sich FAIR Digital Objects in Datenräumen erzeugen und nutzen lassen. MISSION KI entwickelte diese als Prototyp: Es gibt somit erstmals einen standardisierten Rahmen, um Daten in Forschung und Wirtschaft umfassend und sicher einsetzen zu können.

Im Juli 2024 eröffnete in Kaiserslautern das erste von zwei geplanten Innovations- und Qualitätszentren (IQZ), betrieben in Kooperation mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. In diesem Zentrum werden nicht nur maßgeschneiderte Beratung zur Entwicklung und Anwendung von Künstlicher Intelligenz angeboten, sondern auch neue Standards und Prüfverfahren entwickelt, die Qualität und Sicherheit von KI-Anwendungen langfristig gewährleisten sollen – insbesondere im medizinischen Bereich.

Kaiserslautern hat ein Innovations- und Qualitätszentrum für KI

Soll KI auf sichere Art und Weise eingesetzt werden, sind Standardisierungen elementar. Schließlich basiert vertrauenswürdige KI auf Werten wie Transparenz und Verlässlichkeit, auch soll der Mensch stets die oberste Kontrollinstanz bleiben. Doch nach welchen Kriterien lassen sich diese Werte quantifizieren und messen? Gemeinsam mit führenden Institutionen wie PricewaterhouseCoopers International PwC und dem Fraunhofer IAIS entwickelte acatech praxisorientierte Prüfkriterien, die Unternehmen jeglicher Größe eine klare Orientierung bieten. Diese wurden in einem freiwilligen „Qualitätsstandard für KI-Anwendungen mit geringem Risiko“ zusammengefasst, den MISSION KI im Oktober 2024 präsentierte.

Der KI-Qualitätsstandard ist anschlussfähig an den EU AI Act und fördert die Innovationskraft, ohne den verantwortungsvollen Umgang mit KI-Technologien aus dem Blick zu verlieren.

MISSION KI auf dem Digitalgipfel 2024

So stark Deutschland in der Forschung auch ist – der Transfer in die Wirtschaftsleistung läuft schleppend. Um Promovierende zu ermutigen, ihre Forschungsergebnisse in marktreife Produkte oder Dienstleistungen zu überführen, wurde im November 2024 das Gründungsprogramm „AI Founder Fellowship“ ins Leben gerufen. Die Teilnehmenden erhalten darüber nicht nur eine finanzielle Förderung, sondern auch umfangreiche Unterstützung in Form von Workshops, Zugang zu Rechenkapazitäten und Datenbanken sowie eine intensive Betreuung durch erfahrene Mentorinnen und Mentoren. Das Ziel: eine dynamische Gründungskultur im Bereich KI zu etablieren und exzellente Forschung schneller in die Praxis zu überführen.

Stimmen zur Datenmarktkonferenz im Dezember 2024

Erleichtert wird ebenfalls der Zugang zu qualitativ hochwertigen Daten: Auf der Datenmarktkonferenz des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr präsentierte MISSION KI zum Jahresende eine neuartige Datensatz-Suchmaschine. Über diesen Dienst, auch als „Landing Page“ bezeichnet, lässt sich sektorenübergreifend nach Datensätzen suchen, während gleichzeitig die Qualität der Daten analysiert wird. Gemeinsam mit Partnern wie beebucket und deltaDAO schuf acatech damit ein Angebot, das Datenanbieter bei der Katalogisierung und Kuratierung ihrer Datensätze unterstützt. Transparenz und Verlässlichkeit im Umgang mit Daten steigen, zudem wird die Basis gelegt für ein föderales, vertrauenswürdiges Datenökosystem, in dem KI-Anwendungen effizient und sicher entwickelt werden können.

Die im Jahr 2024 erzielten Erfolge zeigen: MISSION KI stärkt Deutschland als Innovationsstandort und treibt eine vertrauenswürdige, zukunftsorientierte Entwicklung Künstlicher Intelligenz voran. Gemeinsam entwickeln Forschung, Industrie und Gesellschaft ein robustes Fundament, auf dem verantwortungsvolle KI-Lösungen gedeihen, die sowohl wirtschaftliches Potenzial freisetzen als auch gesellschaftliche Akzeptanz finden.

Mobility Data Space

Wenn beispielsweise Start-ups neue, datenbasierte Mobilitätsdienste entwickeln wollen, stoßen sie häufig auf ein Problem: Wie gelangen sie an die entsprechenden Daten? Der von acatech konzipierte Datenraum Mobility Data Space (MDS) löst diese Herausforderung: Gefördert vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) bietet er einen Onlinemarktplatz für Mobilitätsdaten –datenschutzkonform und souveränitätswahrend. So bleiben die Daten beim Besitzer. Damit sie dennoch breit und vielfältig genutzt werden können, werden beschreibende Metadaten im Portal des MDS hinterlegt. Die Nutzenden können dort einsehen, welche Daten bei welchem Anbieter liegen. Über einen Vertrag mit dem Datenanbieter können sie diese Daten nutzen. Dieser entscheidet über die Vertragsbedingungen und behält somit die völlige Datensouveränität.

Freie Parkplätze finden und Schlaglöcher aufspüren

Welche Vorteile der Mobility Data Space bietet, lässt sich am besten anhand von konkreten Beispielen nachvollziehen. So nutzt zum Beispiel das Unternehmen Solita den Datenraum, um Informationen rund um Aufenthaltsdichten, Verkehr, Luftqualität sowie Parkmöglichkeiten in der Stadt für Kommunen grafisch aufzubereiten. Somit kann die Parkplatzsuche optimiert werden: Je schneller die in die Stadt strömenden Blechkarawanen einen Parkplatz finden, desto weniger verstopfen die Straßen, auch die Luftqualität bessert sich. Die Daten für den Case stammen vom Land Baden-Württemberg, genauer gesagt aus der verkehrsträgerübergreifenden Open-Data-Plattform für Mobilitätsdaten MobiData BW.

Die Firma Bridgestone dagegen nutzt beispielsweise Fahrzeugdaten, um Schlaglöcher, Risse und Flickstellen in den Straßen aufzuspüren und den Gemeinden Informationen über die Zustände der Straßen zu liefern. Der Case PrioBike-HH der Stadt Hamburg und der Initiative für sichere Straßen nutzt Daten von Kreuzungen, Fahrzeugdaten, Stadtdaten und Unfallstatistiken, um die Sicherheit beim Rechtsabbiegen zu erhöhen. Spezielle Leuchtdioden, die in den Boden eingebracht werden, sollen das Abbiegen übersichtlicher gestalten und die Unfallzahlen – vor allem von Radfahrerinnen und Radfahrern – reduzieren.

Neuerungen im Jahr 2024

Auch 2024, im dritten Jahr nach der Gründung, hat sich einiges getan im Mobility Data Space: So hat das Technikteam eine neue Version des MDS-Portals gelauncht, das den Datenraum noch leichter zugänglich und nutzbar werden lässt. Zudem werden Aktivitäten rund um Datenangebote und Datenhandel erleichtert. Neue Features sind ebenfalls enthalten, beispielsweise ermöglicht der Data Offer on Request, zunächst lediglich Metadaten einzustellen und die entsprechenden Daten nur auf Anfrage zur Verfügung zu stellen.

Das Alleinstellungsmerkmal des Mobility Data Space ist, dass er ein fairer Datenmarktplatz ist für alle Akteure der Mobilitäts-Domäne.

Boris Otto, Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST

Moritz Stober on the MDS and its 2024 review

Das Team Community Management akquirierte neue MDS-Nutzer und arbeitete daran, die bestehenden Teilnehmenden noch enger zu vernetzen – was die Mehrwerte des Mobility Data Space wie Networking, Matchmaking und Service-Angebote abermals vergrößert. Ab 2025 entrichten Unternehmen für das Nutzen des Onlinemarktplatzes einen nach Umsatz gestaffelten Nutzungsbeitrag: Auf diese Weise soll der Datenmarktplatz langfristig stabil bleiben und weiterhin wachsen. Der Mobility Data Space befindet sich also in einer Ramp-up- und Kommerzialisierungsphase und setzt damit eine neue Messlatte im jungen Geschäftsfeld der Datenräume. Zudem dient er vielen Nachfolgern als Blaupause und Leitplattform.

Mit MDS Connect wurde darüber hinaus ein neues After-Work-Event ins Leben gerufen, bei dem Teilnehmende und Interessenten der Data Sharing Community in einem engeren, kreativen Rahmen zu ausgewählten Themen diskutieren. Auch ein Community Event mit der Fraunhofer-Allianz Verkehr und dem House of Logistics and Mobility (HOLM) fand 2024 erneut statt: 115 Teilnehmende und zehn Vortragende tauschten in drei Paneldiskussionen ihre Kenntnisse aus. Selbstverständlich war der Mobility Data Space auch auf Messen und Branchenevents vertreten, etwa der Smart Country Convention und dem Digital-Gipfel der Bundesregierung.

Digitalisierung und Intermodalität: Neue Wege in der Mobilität

European Mobility Data Space

Die Initiative European Mobility Data Space (EMDS) leistet – wie der Mobility Data Space – den Austausch von Mobilitätsdaten. Beteiligt sind insgesamt 45 Partner aus lokalen Behörden, Forschung und privaten Unternehmen, die Leitung und Koordination liegt bei acatech. Das Ziel: Städte und Regionen sollen durch innovative digitale Infrastrukturen gestärkt und öffentliche und private Akteure zusammengebracht werden – im Sinne einer nachhaltigen und effizienten Mobilität. Die Basis legt eine neue Vision von Datenaustausch: Statt die Daten zentralisiert zu speichern, sollen sie dezentral gelagert werden. Ebenso wie im Mobility Data Space werden sie nicht von einer zentralen Plattform abgegriffen, sondern über einen europäischen Open-Source-Datenkatalog dezentral zwischen den Akteuren ausgetauscht. Metadaten geben Aufschluss darüber, wo die gewünschten Informationen liegen, eine spezielle Infrastruktur und ein automatisches Anfragetool vereinfachen den Datenaustausch. Auch für die Verträge soll es standardisierte Vorlagen geben. Daten werden auf diese Weise leichter zugänglich, Städte und Gemeinden können mit den Informationen effizientere Planungstools aufbauen und den Verkehrsfluss optimieren.

Mobilitätswende in Europa

Wie all dies theoretisch aussehen kann und welche Grundbausteine nötig sind, hat das Team bereits im Vorbereitungsprojekt PrepDSpace4Mobility untersucht. Nun folgt die Umsetzung: Es gilt, regionale Plattformen grenzüberschreitend zu vernetzen – und zwar ohne einen jeweiligen nationalen Akteur. Möglich werden soll diese Art der Kommunikation durch Standardisierungen. Anders gesagt: Die von acatech geleitete und koordinierte Initiative legt den Grundstein für vernetzte Datenräume, die europäische Standards mit einer robusten technischen Infrastruktur und einheitlichen Governance-Strukturen verbinden.

Neun Fallbeispiele – von Stockholm bis Flandern

Ein Punkt, der besonders zum Erfolg der Initiative beiträgt, ist der enge Austausch von acatech mit den beteiligten Kommunen und regionalen Akteuren – zudem ist die Vernetzung der Kommunen untereinander elementar. Und natürlich spielt auch das Fachwissen aus dem acatech-Netzwerk und dem Mobility Data Space eine elementare Rolle, wenn es um die nachhaltige und praxisnahe Umsetzung der Lösungen geht. Um die Grundinfrastruktur im „Real Life“ zu testen, werden in neun europäischen Städten und Regionen konkrete Projekte umgesetzt. So unterschiedlich die Themen auch sind, so lassen sie sich doch in zwei große Bereiche aufteilen: Erstens das Verkehrsmanagement, zweitens die multimodalen Daten, also etwa Mikromobilität wie Scooter oder Fahrrad. Wie lassen sich diese besser mit dem öffentlichen Verkehrssystem koordinieren? Bei verschiedenen Aktivitäten, Onlinemeetings und mehrtägigen Treffen in jeweils anderen Ländern können die Akteure ihre Erfahrungen austauschen und voneinander lernen.

Im belgischen Flandern beispielsweise geht es darum, Verkehrsmessungsdaten aus zahlreichen Quellen zusammenzuführen und zu standardisieren. Wie viele Autos, Fahrräder und Personen passieren bestimmte Stellen? Dies wird von zahlreichen Sensoren erfasst – bisher laufen die Daten an über 500 Stellen zusammen und werden dementsprechend nur lokal verwendet. Künftig sollen die wertvollen Verkehrsinformationen grenzüberschreitend auch anderen Gemeinden zur Verfügung stehen. Auf diese Weise entsteht ein gesamtheitlicheres Bild und das Verkehrsaufkommen lässt sich genauer prognostizieren, was langfristig eine bessere Verkehrsplanung ermöglicht.

In Stockholm wiederum wurden im Projekt verschiedene Sensoren in den Umweltzonen angebracht. In welchem Maße verbessert sich die Luftqualität durch die neuen Regulierungen in den Umweltzonen? Um dies zu analysieren, werden die Sensordaten mit Informationen aus anderen Stadtreferaten kombiniert. Lassen sich diese für weitere Akteure freigeben? Durch eine solche gemeinsame Nutzung von Mobilitäts- und Umweltdaten über Organisationsgrenzen hinweg sollen datenbasierte Entscheidungen erleichtert und städtische Planungen und Regelungen effizienter werden.

Mit dem European Mobility Data Space setzt acatech wichtige Impulse für die Mobilitätswende – ebenso wie für interoperable Datenräume in Europa. Auf diese Weise bringt acatech nicht nur technologische Innovationen auf den Weg, sondern fördert auch den europäischen Gedanken.

In Stockholm wurden verschiedene Sensoren in den Umweltzonen angebracht. © deployEMDS 2024

Datenraum Kultur

Wie wichtig die Dezentralität auch für Kulturdaten ist, zeigt die aktuelle Entwicklung in den USA: US-Behörden haben unter anderem Archivbilder von schwarzen Soldaten und erfolgreichen Frauen unwiederbringlich gelöscht. Diese Entwicklung beunruhigt die Kulturbranche in Europa. Sind europäische Kulturdaten, die bei US-amerikanischen Anbietern gehostet werden, sicher vor solchen Angriffen?

Während in den USA und China private „Datensilos“ vorherrschen, die von wenigen Akteuren kontrolliert werden, setzt Europa auf das „Internet der Daten“ auf Basis von interoperablen Datenräumen.

Kulturdaten schützen, teilen und nutzbar machen

Der Datenraum Kultur soll als eines von 18 Leuchtturmprojekten der Digitalstrategie der Bundesregierung Sicherheit schaffen und die Datenspeicherung demokratischer und resilienter werden lassen. Dafür ziehen acatech, die Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, das Fraunhofer FIT sowie weitere anwendungsfallbezogene Partner an einem Strang. Entstehen soll ein Datenraum, der mehrere Vorteile miteinander kombiniert: Kulturinstitutionen können ihre Daten sicher teilen, ohne die Kontrolle darüber zu verlieren. Zertifizierte Interessierte erhalten einfachen Zugang und Einblick in eine große Sammlung kulturrelevanter Daten. Gleichzeitig wird die überregionale Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren gefördert, was innovative Projekte ermöglicht und den Wert der Daten maximiert.

Zugrunde liegt auch hier ein spezieller Aufbau der Datenspeicherung: Der Datenraum Kultur stellt eine sichere digitale Infrastruktur bereit, die es Museen, Theatern und Co. ermöglicht, ihre Daten zu behalten und die Datenhoheit zu bewahren, es andererseits Kulturschaffenden, Kreativen, kulturellen Einrichtungen und Forschenden jedoch ermöglicht, Daten effizient und kontrolliert auszutauschen und zu nutzen. Somit können beispielsweise alle Veranstaltungsdaten einer Gemeinde auf einer einzigen Webseite aufgelistet werden, ohne die Daten zentral vorzuhalten. Die entsprechende Datenautobahn dafür wird im Datenraum Kultur bereitgestellt.

Datenraum Kultur Teaser

Möglich werden darüber hinaus Online-Ausstellungen digitaler Kunstwerke, ohne dass die jeweiligen digitalen Inhalte die Festplatten der verschiedenen Museen verlassen. So fassten die Hamburger Kunsthalle, der Alten Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin und der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zum 250. Geburtstags von Caspar David Friedrich die Werke des bekanntesten Malers der deutschen Romantik zusammen. Das Portal bietet verschiedene multimediale Inhalte und Formate: Besucherinnen und Besucher der digitalen Ausstellung können über digitale Geschichten tief in einzelne Werke einsteigen, einen 360°-Rundgang machen und den Themen der damaligen Zeit über Shortcuts näherkommen. Das Webportal wird kontinuierlich weiterentwickelt und ergänzt die Ausstellungen in Hamburg, Berlin und Dresden.

Im Jahr 2024 widmete sich acatech vor allem der Aufgabe, ein Stakeholder-Netzwerk für dieses Vorhaben aufzubauen: Dazu gehörte die Werbung für den Datenraum Kultur ebenso, wie die verschiedenen Häuser und Verbände ins Boot zu holen und sie mit konkreten Anwendungsfällen zu verknüpfen. Im Jahr 2025 soll der Datenraum Kultur verstetigt werden. Die Vorarbeiten dazu wurden bereits geleistet – so steht beispielsweise der Geschäftsplan bereits, der auf einer breit angelegten Marktanalyse fußt.

Podiumsdiskussion beim Digitalgipfel zur Rolle von Daten in der Kultur und Kreativwirtschaft (v. l. n. r. Tobias Bacherle (MdB), Sina Schmidt (Deutscher Bühnenverein), Dieter Spath (TÜV), Claudia Fenske (Staatskanzlei Thüringen), Jakob Freese (Stadt Leipzig), © Datenraum Kultur

Trusted European Media Data Space

Seien es Zeitungen, Fernsehsender oder Filmproduktionen: Für europäische Medienunternehmen spielt es eine essenzielle Rolle, am digitalen Wandel teilzuhaben. Welche Nachrichten interessieren die Leserinnen und Leser? Stimmen die angeblichen Fakten, die einem vorliegen? Besonders in kleineren Redaktionen fehlen jedoch häufig die notwendigen Ressourcen für die Digitalisierung. Der Datenraum für audiovisuelle Medien in Europa namens Trusted European Media Data Space (TEMS) soll Abhilfe schaffen: Er gewährt allen Interessierten Zugang zu digitalen Services und gesichertem Datenaustausch. Das europäische Konsortium umfasst 40 Organisationen aus ganz Europa aus den Bereichen Medien, Kultur, Technologie und den Kreativwirtschaften, im Oktober 2023 hat es die Arbeit aufgenommen. acatech leitet die Governance-Arbeit – unterstützt also bei rechtlichen Aspekten, organisiert und strukturiert die Forschung, erstellt Geschäftsmodelle und bringt die Teilnehmenden zusammen. Darüber hinaus beteiligt sich acatech als Konsortialpartner an mehreren Teilprojekten.

Nutzerverhalten, Faktencheck, Filmproduktion und 3D-Daten

Wie wichtig der Datenraum für die Demokratie ist, sollte nicht unterschätzt werden: Schließlich ist der freie Journalismus eine tragende Säule der Demokratie – die Datensouveränität zu stärken ist daher elementar. Geschehen wird dies innerhalb von vier Anwendungsfällen. Der erste liegt in der zunehmenden Personalisierung: Die Angebote sollen die inhaltlichen Interessen der Zuschauenden bestmöglich treffen. Der Weg dorthin führt über Daten zum Nutzerverhalten und den Datenaustausch zwischen den Medienunternehmen. Zweitens der Faktencheck, auch hier werden viele und vor allem diverse Informationen benötigt: Informationen, zu denen der Datenraum einen einfachen Zugang gewährt. Drittens sind Kino- oder Serienproduktionen zu nennen. Bei der Produktion eines Films stellen sich zahlreiche Fragen, so könnten beispielsweise deutsche Untertitel anstehen. Lässt sich deren Erstellung vereinfachen? Vielleicht wurden bereits Untertitel in einer anderen Sprache erzeugt, die sich als Ausgangsbasis nutzen lassen? Der vierte Anwendungsfall bezieht sich auf dreidimensionale Daten. Produziert ein Medienunternehmen etwa einen Hintergrundbericht über den Louvre, so könnte man das berühmte Pariser Museum mit entsprechenden Daten aus dem Trusted European Media Data Space dreidimensional ins Studio projizieren. Der berichtende Journalist oder die berichtende Journalistin müsste dann nicht nach Paris reisen, sondern könnte sich vor der Projektion im Studio ablichten lassen.

Einige Meilensteine konnten im Jahr 2024 bereits umgesetzt werden. So etwa ein Blueprint, in dem die verschiedenen Ziele des Datenraums festgelegt sind – auf wirtschaftlichem, technischem sowie rechtlichem Niveau. Welche konkreten Bedarfe soll TEMS erfüllen? Dieser Frage ist acatech in einer Befragung von Redaktionen, Filmproduzenten, Medienhäusern, unabhängigen Journalisten, Gaming-Industrie und Werbung nachgegangen. Ein erster TEMS-Prototyp ist für April 2025 geplant.

Gaia-X: Qualitätssiegel für Datensicherheit

Deutschland steht in einer digitalen Abhängigkeit von den USA: Die großen Anbieter von Clouddiensten wie Microsoft, Google und Amazon, mit denen sowohl die meisten Privatleute, Behörden und Unternehmen arbeiten, haben dort ihren Hauptsitz. Diese Marktkonzentration birgt Risiken – politische oder regulatorische Veränderungen in den USA können direkten Einfluss auf Europas digitale Infrastruktur und Handlungsfähigkeit nehmen. Auch ist die Sicherheit der Daten auf amerikanischen Servern keineswegs gewährleistet. Vor diesem Hintergrund wächst der Druck, digitale Souveränität zu stärken und unabhängige europäische Alternativen voranzutreiben. Echte Datensouveränität ist daher elementar: Deutsche oder europäische Clouds müssen her sowie eine Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Cloudanbietern. Derzeit ist diese jedoch kaum gegeben. Nutzt ein Unternehmen erst einmal die Clouddienste eines Anbieters wie Microsoft oder Amazon, gibt es verschiedene technische Hürden, die es in diesem System halten – ein Umzug ist mit riesigem technischem Aufwand sowie hohen Kosten verbunden. Man spricht dabei auch von einem Lock-in-Effekt.

Das offene interoperable System Gaia-X soll künftig für die nötige Datensicherheit sorgen und zudem eine Wahlfreiheit ermöglichen: Ein vertrauenswürdiges Datenökosystem, in dem verschiedene Akteure und Dienstleister verbunden sind und Daten oder datenbezogene Dienste bereitstellen oder nutzen können. Cloud-Services sind nur einer von vielen Diensten, ebenso gehören gemeinsame Standards, Datenräume oder digitale Anwendungen dazu. Diese Idee schließt Hyperscaler wie Amazon oder Microsoft keineswegs aus, schließlich gehört zur Wahlfreiheit auch die Möglichkeit, bisher gängige Lösungen nutzen zu können. Entscheidend für die Teilnahme an Gaia-X ist vielmehr, dass die Grundprinzipien umgesetzt werden – sprich Datensouveränität, Interoperabilität, Offenheit und Transparenz.

Nationale Anlaufstelle „Gaia-X Hub Germany“ und wissenschaftliche Begleitforschung

Die zentrale Anlaufstelle in Deutschland ist der Gaia-X Hub Germany – er ist quasi die nationale Andockstelle für Datensouveränität. Dieser wurde 2020 gegründet, um die Entwicklung und Nutzung von Gaia-X in Deutschland voranzutreiben. Die Koordinationsstelle des Hubs und die wissenschaftliche Begleitforschung für Gaia-X in Deutschland sind bei acatech angesiedelt. Der Gaia-X Hub bringt die Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, Erkenntnisse zu gewinnen und diese in die Praxis umzusetzen. Insgesamt wurden bereits Communities und branchenspezifische Arbeitsgruppen für 15 gesellschaftsrelevante Sektoren aufgebaut, unter anderem für die Landwirtschaft, Finanzwirtschaft, das Gesundheitswesen, die Mobilität, Industrie 4.0 und Energie.

Der Kern der Technik [Gaia-X] ist eine Art Personalausweis für Unternehmen im Internet. Mit diesem können sich Unternehmen, die Daten austauschen wollen, identifizieren und sicherstellen, dass nur Nutzerinnen und Nutzer mit der entsprechenden Berechtigung auf Anfrage Zugriff erhalten.

Jan Fischer, Leiter des Gaia-X Hub Germany bei acatech

Seit Anfang 2022 fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz im Rahmen des Gaia-X Förderwettbewerbs elf Konsortien aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft, die innovative Lösungen und Geschäftsmodelle für verschiedene Anwendungsbereiche entwickeln. Die wissenschaftliche Begleitforschung unterstütze und dokumentierte diesen Prozess fortlaufend und veröffentlichte dazu insgesamt 25 White Paper, Positionspapiere und Blogbeiträge Zum Ende der Projektlaufzeit, im November 2024, präsentierten die elf Konsortien auf der Gaia-X Expo in Berlin die Erfahrungen und Ergebnisse ihrer Arbeit. Ausgerichtet wurde die Ausstellung ebenfalls von der wissenschaftlichen Begleitforschung. Die Ergebnisse können zukünftig als Blaupausen für weitere innovative Datenräume und zukunftsweisende datengetriebene Geschäftsmodelle dienen.

Auch „tourte“ der Gaia-X-Hub seit Mai 2024 durch Deutschland: Mit Hilfe einer Roadshow soll das Know-how im Mittelstand noch intensiver verankert werden. Was ist Gaia-X? Welche Potenziale bieten Datenraumtechnologien? Kurzum: Das Gaia-X Team konnte 2024 in diversen Austauschformaten und Workshops, auf mehr als 12 Messen und Konferenzen sowie durch neun Roadshow-Events zahlreiche Unternehmen für innovative datengetriebene Geschäftsmodelle begeistern.

2024 veröffentlichte der Gaia-X Hub ein Positions- sowie zwei White Paper:

Auf der Gaia-X Expo in Berlin präsentierten die elf Gaia-X Förderprojekte ihre Ergebnisse aus drei Jahren Förderlaufzeit. Tanja Alemany Sanchez de León (rechts), Leiterin der Unterabteilung „Innovationspolitik und digitale Wirtschaft“ im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), am Stand von COOPERANTS, Luft- und Raumfahrt. © acatech