Technik wirkt in die Gesellschaft – und die Gesellschaft wirkt auf die Gestaltung, Anwendung und Entwicklung von Technik. acatech erforscht diese Wechselbeziehung und schafft Diskussionsräume, um das Verhältnis von Technik und Gesellschaft zu reflektieren – und mögliche Fehlentwicklungen zu identifizieren. Mit der repräsentativen Umfrage TechnikRadar und vielfältigen Dialogformaten entwickelt acatech dafür Instrumente in Theorie und Praxis.

TechnikRadar 2024: Ein Vergleich der bisherigen Umfrageergebnisse offenbart wachsende Unterschiede zwischen Alt und Jung

Technik sowie die damit verbundenen Diskurse und Nutzenerwartungen werden von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen ganz unterschiedlich wahrgenommen. Das zeigt das TechnikRadar 2024 wieder sehr deutlich. Entsprechend müssen wir bei der Kommunikation zu Risiken und Chancen neuer Technologien anwendungsspezifisch und zielgruppengerecht vorgehen. Nur wenn sich alle Gruppen gleichermaßen adressiert fühlen, wird sich ein breites Bedürfnis nach Mitbestimmung entwickeln – was am Ende die Voraussetzung ist, damit Technik im Sinne der Gesellschaft gestaltet werden kann.

Ortwin Renn, TechnikRadar-Co-Projektleiter und acatech Präsidiumsmitglied

Das TechnikRadar hat sich seit seiner Erstausgabe 2018 zu einer anerkannten wissenschaftlichen Referenz entwickelt: Wer wissen will, was die Deutschen über Technik denken, kommt an dieser repräsentativen Umfrage nicht vorbei. Die Ergebnisse waren Thema in der Tagesschau und in Bundestagsausschüssen. Nicht nur erhebt die Studie allgemeine Einstellungen zu Technik, Meinungen zu wichtigen Zukunftsaufgaben sowie Partizipationswünsche zur Technikgestaltung. Auch ein Schwerpunktthema ist stets Teil der Untersuchung, um den konkreten Anwendungsbezug von Technik abzufragen: Mit den Themen Digitalisierung, Bioökonomie, Gesundheit sowie Bauen & Wohnen wurde dabei bislang eine große Bandbreite abgedeckt.

Im TechnikRadar 2024 hat acatech die Befragungen von 2017, 2019, 2021 und 2022 vergleichend ausgewertet. Der Vergleich zeigt, dass sich ältere und jüngere Menschen in Deutschland in einigen zentralen Fragen stetig voneinander entfernt haben. So trifft die Aussage, dass der Erhalt einer intakten Umwelt erfordert, dass alle ihren Konsum reduzieren, bei den 16 bis 34-Jährigen auf ein sinkendes Einverständnis – der Durchschnittswert der Zustimmung lag 2022 bei 6,8 auf einer Skala von 0 (volle Ablehnung) bis 10 (volle Zustimmung). Die Altersgruppe der über 65-Jährigen stimmt mit einem Wert von 7,9 deutlich stärker zu. Die Generation 65plus teilt laut der jüngsten Befragung eher die Befürchtung, dass Technik ihre Freiheit einschränken könnte. Bei der Aussage „Je weiter sich die Technik entwickelt, desto mehr Zwänge wirken auf den Menschen“ erreicht die Zustimmung der älteren Altersgruppe auf einer Skala von 0 (volle Ablehnung) bis 10 (volle Zustimmung) einen Wert von 7,0. Die 16 bis 34-Jährigen weisen mit 5,7 im Vergleich mit allen anderen untersuchten Gruppen den niedrigsten Wert auf.

Studienleiterin Cordula Kropp bei der Präsentation der TechnikRadar-Ergebnisse, © acatech

Die Teilnehmenden der ersten Podiumsdiskussion des Abends (v. l. n. r.): Moderatorin Eva-Maria Jakobs, Cordula Kropp, Martin Bauer, Bita Fesidis und Manuel Frondel, © acatech

Expertinnen und Experten diskutierten bei acatech am Dienstag über Datenfreigabe für KI in der Medizin. © acatech

Eher unabhängig vom Alter hat sich die Priorisierung der Zukunftsaufgaben verändert: Hinter dem Dauerspitzenreiter „Sicherung der Arbeitsplätze“ landet laut der letzten Umfrage von 2022 das Thema „Innere Sicherheit“ auf Platz 2. Die Bekämpfung der Klimaerwärmung wird im Vergleich zu vorigen Untersuchungen entsprechend als weniger wichtig eingestuft.

Doch worin liegen die Ursachen für solche Einstellungsänderungen? Darüber sprachen auf der Vorstellung der Ergebnisse am 11. Juni im Amerikahaus München Studienleiterin Cordula Kropp (Universität Stuttgart), acatech Präsident Jan Wörner und ihre Mitdiskutierenden. Die Veränderung der Bedrohungslage habe eindeutig einen Anteil daran gehabt: Nach einer Phase der großen Sorge um die Auswirkungen des Klimawandels wuchs nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine die Angst vor einem Krieg.

Die Ursachen für die Skepsis der Deutschen, ihre Gesundheitsdaten weiterzugeben, standen bei einem acatech am Dienstag im Mittelpunkt. Ausgangspunkt einer lebendigen Diskussion waren die Ergebnisse des TechnikRadars von 2022, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Zukunft der Gesundheit auseinandersetzte. Kooperationspartner des Abends am 4. Juni war die Bayerische Akademie der Wissenschaften.

Während die Deutschen im Pflegebereich durch den vermehrten Einsatz von Robotern eine Entmenschlichung fürchten, sehen sie im Bausektor Potenziale für eine Entlastung des Menschen. Diese differenzierte Betrachtungsweise und kritische Offenheit sind auch Resultat der Auseinandersetzung mit Technik, die in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten verstärkt stattgefunden hat.

Cordula Kropp, wissenschaftliche Projektleiterin und Soziologin am ZIRIUS – Zentrum für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Universität Stuttgart

Fachleute aus dem Gesundheitssektor, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik beleuchteten die Frage von verschiedenen Seiten. Weitestgehend einig war sich die Runde, dass eine verbesserte Datengrundlage zu Krankheiten auch zu einer verbesserten Gesundheitsversorgung beitragen könne. Denn diese Daten könnten heute in Sekundenschnelle mit Hilfe Künstlicher Intelligenz analysiert werden, um die behandelnde Ärztin oder den Arzt bei der Diagnose zu unterstützen.

2025 wird sich das TechnikRadar mit einem prägenden Thema unserer Zeit befassen: Digitale Transformation und Künstliche Intelligenz. Die Carl-Zeiss-Stiftung fördert die aktuelle Projektphase.


acatech im Dialog mit der Gesellschaft: Große Reichweiten und neue Formate

Der Dialog mit der Gesellschaft ist eine der wichtigsten Aufgaben der Akademie. acatech nutzt eine große Bandbreite an Formaten – von Onlineveranstaltungen über „Murmelgruppen“ bis hin zu mehrtägigen Konferenzen – und arbeitet mit mehreren Partnerorganisationen zusammen.

Die Reihe acatech am Dienstag gibt solchen Dialogangeboten einen festen Platz im Akademieleben. Die Veranstaltungen finden regelmäßig in München statt, aber auch in anderen bayerischen Städten oder online. Virtuelle Ausgaben in Kooperation mit vhs.wissen erreichen regelmäßig mehrere hundert Personen – so zum Beispiel bei der Veranstaltung „KI im Unternehmen“ am 3. Dezember 2024 mit acatech Senatorin Andrea Martin vom IBM Watson Center Munich.

Auch die acatech am Dienstag-Präsenzveranstaltungen in den Räumlichkeiten des acatech Forums kommen beim Publikum gut an: Mit jeweils rund 60 Gästen wurden dort Themen wie „Wissenschaftsbasierte Politikberatung“, „Globale Ernährung“ oder die „Zukunft der Energie“ diskutiert.

Mit dem Format „TechTalk 28/4“ hat acatech zudem eine Kooperation mit der Münchner Volkshochschule (MVHS) und der Mediengruppe Münchner Merkur, tz. gestartet: Bei den Ausgaben, die abwechselnd in den Räumlichkeiten der MVHS und im acatech Forum am Karolinenplatz stattfinden, werden aktuelle Kontroversen rund um neue Technologien aufgegriffen und vertieft – unter anderem in sogenannten Murmelgruppen: Die Teilnehmenden werden hier gebeten, bestimmte Fragen in Kleingruppen zu diskutieren – was gut angenommen wird. In Kombination mit den Impulsvorträgen und Paneldiskussionen ergibt sich so eine umfängliche Perspektive auf die Thematik des Abends.

acatech kooperiert mit festen Größen aus der lokalen Kultur- und Forschungslandschaft, um ein breites Publikum anzusprechen: Highlights im Jahr 2024 waren ein Filmgespräch im Amerikahaus, in Kooperation mit der Hochschule für Fernsehen und Film, sowie Diskussionsveranstaltungen in Kooperation mit der Evangelischen Stadtakademie und der Katholischen Akademie in Bayern.

Andrea Martin sprach bei acatech am Dienstag über KI im Unternehmen – wie gelingt ein vertrauenswürdiger Einsatz? Als Beispiel für den Einsatz von KI-Tools im unternehmerischen Kontext nannte sie CIMON, den ersten mobilen Astronautenassistenten im All. Im Bild zu sehen ist das modifizierte Astronautenassistenzsystem CIMON-2. © IBM und DLR

Neue Pflanzen für bessere Ernten – über die Bedeutung von Patenten und Sortenschutz für die globale Ernährung diskutierten Expertinnen und Experten bei acatech am Dienstag im acatech Forum am Münchener Karolinenplatz am 16. April 2024. © acatech

Neues Dialogforum für München: Beim Auftakt der Reihe „TechTalk 28/4“ stand das Thema KI und Desinformation im Mittelpunkt – großer Diskussionsbedarf beim Thema „Vertrauen“. © acatech

Technik, Macht, Stadt: Megalopolis und der Dialog um die Zukunft – Podiumsgespräch zu Francis Ford Coppolas Film „Megalopolis“ (v. r. n. l. Jan Wörner, Helmuth Trischler, Sinje Gebauer, Marc-Denis Weitze), © acatech

Fit für KI – welche Kompetenzen brauchen wir in Alltag und Arbeitswelt? Moderatorin Birgit Obermeier sprach darüber bei acatech am Dienstag in Bamberg. © acatech

acatech ist es ein wichtiges Anliegen, auch mit Partnern außerhalb der Landeshauptstadt zusammenzuarbeiten. So wurden im Berichtsjahr Themen der Künstlichen Intelligenz in Würzburg (Kooperation mit der dortigen Volkshochschule und in Verbindung mit einer Lehrkräftefortbildung der Bayerischen Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit) und in Bamberg (in Zusammenarbeit mit der Otto-Friedrich-Universität) diskutiert.

acatech HORIZONTE: Wie lassen sich komplexe Themen anschaulich auf den Punkt bringen?

© acatech/Joseph & Sebastian

Die acatech HORIZONTE machen interessierten Menschen aktuelle Technikthemen mit Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft zugänglich. Jede Ausgabe ist einem Technikfeld gewidmet, das neue Horizonte eröffnet, wirtschaftlich bedeutend ist und gesellschaftlichen Wandel ermöglicht. Die acatech HORIZONTE verschaffen einen Überblick – anschaulich, verständlich und wissenschaftsbasiert. Sie klären die Faktenbasis und erörtern gesellschaftliche, volkswirtschaftliche und politische Fragen und Gestaltungsoptionen. Die im Jahr 2024 erschienene Ausgabe konzentrierte sich auf das Thema Sicherheit.

Sicherheit ist ein Grundbedürfnis, über das wir uns oft erst dann Gedanken machen, wenn wir uns bedroht fühlen. In einer Welt voller neuer Technologien, fortschreitender Digitalisierung und globaler Krisen wird das Thema immer drängender – nicht nur in der Politik, sondern auch in unserem alltäglichen Leben. Ob im Straßenverkehr, bei der Ernährung, am Arbeitsplatz oder in der Außenpolitik: Sicherheit betrifft uns auf vielen Ebenen. Doch was bedeutet „sicher“ eigentlich?

Es ist schwierig, Sicherheit eindeutig zu definieren. Was braucht eine Person, um sich sicher zu fühlen? Wie viel Risiko ist sie bereit einzugehen? Das entscheiden in vielen Bereichen jede und jeder für sich selbst. Manche Menschen plagt die Flugangst, obwohl die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls viel geringer ist als im Auto – andere lieben Fallschirmspringen. Manche fühlen sich in Höhen oder unter der Erde unwohl, andere unternehmen waghalsige Klettertouren oder tauchen in der Tiefsee oder durch Höhlen. Wir bewerten Sicherheit und Risiko nicht nur rational, sondern auch emotional und subjektiv. Subjektives Sicherheitsempfinden und objektive Herangehensweisen, der Unterschied zwischen Safety und Security, aber auch die unterschiedlichen Dimensionen der Sicherheit – innere wie äußere, in der physischen und in der virtuellen Welt. Die acatech HORIZONTE Sicherheit geben einen ebenso verständlichen wie fundierten Überblick.

Das HORIZONTE logbuch, soziale Medien und der Late Night Tech Podcast sind weitere Plattformen für die HORIZONTE-Themen. Late Night Tech bietet Gespräche mit Expertinnen und Experten zu technologischen Themen – mit Tiefgang und persönlicher Note.

Zum Thema Sicherheit sprach acatech mit Thomas de Maizière, dem ehemaligen Bundesinnen- und Verteidigungsminister, über die Rolle von Technologien in der Sicherheitspolitik und die Herausforderung der Risiko-Kommunikation.

Die Zukunft der Lebensmittelproduktion und Laborfleisch waren Thema der Podcastfolge mit Patrick Bühr, Head of Research and Development bei Rügenwalder Mühle.

Podcastaufnahme Late Night Tech mit Thomas de Maizière im Berliner acatech Büro, © acatech/Sandra Fendl